Spontane Skulpturen

„Die Erde wird aus dem Chaos geboren, so wie das Licht aus dem Dunkel ersteht.“

Alle Gesteinsformationen, Pflanzen, Tiere und auch die Gestalt des Menschen sind ein Ergebnis der Ordnung ursprünglich wahllos und willkürlich verstreut vorliegender elementaren Bauteilchen. Aus Staub ist die Gestalt des Menschen geworden und zu Staub wird sie wieder zerfallen.

Im Unterschied zur klassischen Kunstform schafft der spontane künstlerische Ausdruck kein zeitloses Kunstwerk, sondern geht mit verstreut vorliegendem Zufallsmaterial kreativ ordnend um. Statt „Abfälle“, anfallende Zwischenprodukte von Zerfallsprozessen bzw. Arbeitstätigkeiten chaotisch, wild verstreut liegen zu lassen, werden diese in eine ästhetische Zwischenform gebracht, die sich zeitweise entweder in die Natur eingliedert bzw. in eine vorgegebene Form einpasst oder als spontan entstandener, eigenständiger Fremdkörper einen vorübergehenden Bestand bekommt. Dieser provisorische, vorläufige Zustand dauert so lange an, bis das spontan zwischen geordnete Material eine weitere Verwendung findet oder einem anderen Zweck zugeführt wird bzw. es seiner Bestimmung nach zerfällt oder sich auflöst.

Das spontane Kunstwerk ist Konsequenz eines menschlichen ästhetischen Wirkens, das zusätzlich zu einem notwendigen wirtschaftlichen Tun hinzukommt. Es nützt das dabei anfallende Material, statt aber stehen zu bleibend bei einem rein nützlichen Handeln, geht es über die wirtschaftliche Notwendigkeit und Rentabilität hinaus und ergänzt diese durch eine ästhetisch-harmonische Komponente. Das spontane künstlerische Handeln ähnelt dem kindlichen Spiel, es erzeugt einen harmonischen Zwischenaspekt in einem Prozess, dessen Eigennatur produktiv oder destruktiv sein kann, aber für sich selbst keinem Zweck oder Zwang unterliegt. Zum Teil sind die dabei entstehenden Gebilde und Anordnungen bewusst in den praktischen Produktionsprozess integrierte Teilgebilde (wie zum Beispiel zwischengelagertes Holz oder Strohballen), deren Anordnung im folgenden weitergeführt werden kann (z. B. beim Bau eines Strohballenhaus), zum Teil gehen sie ganz aus der zufälligen Anhäufung hervor und verbleiben im spontanen Umfeld (aus angeschwemmtem Strandholz werden Strandholzskulpturen am Strand). Aus der Art ihrer Anordnung und der Art des anfallenden Materials geht hervor, dass nicht die Illusion eines bleibenden Kunstwerks erzeugt werden soll, sondern die ästhetische Realisierung einer vorübergehenden Realität angestrebt und erzeugt wird. Aufgeschichtete Holzstapel oder Steinhaufen in Pyramidenform sind so ästhetische Zwischenformen und spontane Gebilde, die der zeitlichen Dynamik unterliegen. Nicht der Zweck, sondern die Freude am spielerischen und ordnenden Handeln ist Motiv und Kriterium ihres Entstehens.

Der Sinn dieser Art von spielerisch-künstlerischer Tätigkeit, die keine bleibenden Werte schafft und auch nicht vermarktbar ist, liegt nicht nur im ästhetischen Ausdruck der erzeugten Spontanformen, sondern auch in der Kunst der überraschenden Anordnung und effektvollen Umschichtung des Materials mit einem möglichst geringfügigen Mehraufwand. Jedes so erzeugte Objekt ist ein dem Chaos abgerungenes Zeichen der Ordnung und des Gleichgewichts, des nicht nur wirtschaftlich und zweckorientiert, sondern auch schöpferisch und kreativ handelnden Menschen, ein harmonisches Zeichen, das nützliche Realität und gestaltend wirkende Fantasie vereint. Im Extremfall braucht es gar nicht die Hände zum Ordnen, sondern genügt auch der Blick, der aus dem beliebigen Neben- und Durcheinander der Dinge in der Wahrnehmung eine optisch geordnete Form herausisoliert und im Bewusstsein lebendig macht. Entscheidend für beides, für das ordnende Handeln und das ordnende Schauen ist der Wille zum kreativen Wirken, der im künstlerisch wirkenden Menschen seine harmonisierend entwickelnde Spur hinterlässt.